Ein (subjektiver) Bericht über die Anti-Lager-Aktionstage in Schongau (16.-17.oktober 2009)
Den Protest in die Provinz tragen und auf die spezifischen Probleme der „Dschungelcamps“ * aufmerksam machen, das wollten wir mit den Anti-Lager-Aktionstagen in Schongau bewirken. Ich würde sagen: Ziel erreicht!
Zu dem öffentlichen Podiumsgespräch am Freitagabend kamen über 60 Menschen, der Raum in der VHS war proppenvoll. Auf dem Podium saßen Abdul und Adama aus dem Flüchtlingslager, Thomas von der Karawane und Alex vom bayerischen Flüchtlingsrat. Alle vier ließen im Publikum keinen Zweifel an die Dringlichkeit einer völligen Neuausrichtung der bayerischen/deutschen Asylpolitik.
Abdul berichtete von verschiedenen Absurditäten im Lager, zum Beispiel, dass er sich zusammen mit zwei anderen Männern ein Zimmer teilt, in dem es nur zwei Betten gibt. Oder dass von den zwei Duschen in der Baracke immer nur eine benutzt werden kann, weil für zwei das Warmwasser nicht reicht. Adama machte deutlich, wie schwierig es ist, mit 40 Euro Taschengeld im Monat und staatlicher Sachleistungsversorgung eine Familie durchzubringen.
Erfreulich war, dass viele Flüchtlinge auch aus anderen Lagern zu der Veranstaltung gekommen waren. Zum Beispiel eine Gruppe Jugendliche aus dem Lager in Pfarrkirchen. Von ihnen kam eine Wortmeldung, die wahrscheinlich vielen im Publikum in Erinnerung bleiben wird: „Überall auf der Welt gibt es Flüchtlingslager. Das Deutsche Lagersystem ist aber eines der menschenunwürdigsten.“
Martin aus dem Schongauer Lager hat schließlich die Quintessenz des Abends perfekt auf den Punkt gebracht: Es geht nicht um kleine Schönheitsreparaturen, sondern die Lager als solche müssen weg.
Am Samstag gab es trotz Regen, Schnee und Kälte eine kleine feine Anti-Lagerdemonstration im Zentrum von Schongau. Insgesamt 120 Leute hat die Polizei gezählt. Viele Schongauer waren leider nicht auf der Straße und direkte Resonanz gab’s kaum. Interessant ist jedoch folgender Dialog zwischen einem Radiojournalisten und einer Schongauerin:
„Wissen Sie von dem Lager eigentlich?“, „Meinen’s jetzt Guantánamo oder was?“, „Nein, nicht Guantánamo. Das Lager hier in Schongau.“, „Nein, das kenn ich nicht, wo ist das?“
Dass die Schongauer nichts von dem Lager wissen, wundert kaum, denn es liegt völlig versteckt am hintersten Ende des Industriegebiets. Aufschlussreich ist, was uns ein Schongauer Stadtratmitglied bei der Veranstaltung am Freitagabend erzählt hat: Als das Lager Anfang der 90er errichtet wurde, stand erst zur Diskussion, die Flüchtlinge in einem ehemaligen Altenheim mitten im Ortskern unterzubringen. Aufgrund des Widerstands der Bevölkerung und einiger Stadtratmitglieder wurden dann jedoch die beiden Holzbaracken im Industriegebiet gebaut. Ein deutliches Beispiel, dass Ausgrenzung und menschenunwürdige Unterbringung auch von Seiten der Bevölkerung forciert werden.
Auf den in der Bevölkerung verankerten Rassismus ging auch Stefan vom Flüchtlingsrat in seiner Abschlussrede ein. Die Lager gibt es nicht nur, weil es die Gesetzgeber so vorsehen, sondern auch weil es die deutsche Mehrheitsbevölkerung toleriert oder nicht anders will. Und das nicht nur in Schongau, sondern ebenso in Grassau, Obermotzing, Landshut, Breitenberg, Pfarrkirchen, Neuburg, Schwandorf und wie die ganzen Lagerorte heißen.
Im Anschluss an die Demo haben die Flüchtlinge ins Lager eingeladen. Relativ einmalig: Um die 70 Demoteilnehmer tummelten sich in Küche und Gang einer der beiden Holzbaracken, aßen Kuchen, sprachen mit den Bewohnern und konnten selbst erfahren, wie wenig die Lager als Wohnraum für Menschen taugen. Schon alleine diese Erfahrungen waren es wert, die Anti-Lageraktionen in Schongau zu machen.
Dass auch die „Außenwelt“ von unserem Protest und der Unmöglichkeit der Lager mitbekommt, dafür sorgen verschiedene Medienberichte:
Schongauer Nachrichten: Schlüssel zur Integration
Zündfunk (Bayern2): Anti-Lager-Aktionstage
Neues Deutschland: Asylbewerber in Bayern leben unter katastrophalen Bedingungen
* mit Dschungelcamps meinen wir die kleinen Lager in der Peripherie, die oftmals so abgeschieden liegen, dass nicht einmal ein Navigationsgerät die Adresse findet.

Ich finde das war eine Super Aktion und eine ganz Tolle Bericht.
Aluta Continua, Vitoria ascerta!
I would like to know the outcomes of all these demonstrations.
Thanks
bunja darbo